Das Kalenderblatt vom 11. September 2001

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Das Kalenderblatt vom 11. September 2001

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Das Kalenderblatt vom 11. September 2001

 

10. September – 18 Uhr – Claas hockt nun schon seit Stunden an seinem Schreibtisch – unzählige Zeitungen und Bücher sind in Stapeln auf der Tischplatte verteilt. Sein Arbeitsplatz wird immer beengter. Ich muß mir wohl bald ein größeres Möbelstück zulegen, schleicht als Ahnung durch sein Denken. Die weißen Papierstücke wechseln von einer Hand in die andere – seine Augen wischen ungeduldig über die Buchstaben und Bilder. Sie finden nichts, an dem sie sich festhalten können. Es muß doch für diesen Tag etwas Berichtenswertes geben – schießt es ihm durch den Kopf. Es gibt doch wohl keinen Tag in der Vergangenheit, an dem nicht irgendwo in der Welt etwas Denkwürdiges geschehen ist. „Mein Junge – das Abendessen ist fertig!“ ruft Mudder aus der Küche. „Ich komm’ gleich“ – antwortet er automatisch, ohne dass er so recht dahinter kommt. Sein Denken sucht in dem heillosen Durcheinander von bedrucktem Papier nach Informationen, mit denen man den 11. September behängen kann. Er benötigt für seine Radiosendung Morgennachmittag noch Begebenheiten für das „Kalenderblatt“ des Tages – Wissenswertes vergangener Tage. Harrijeeses – hat er sich erschrocken – Mudder steht vor dem Schreibtisch. „Nu komm aber erst her zu essen. Du kannst doch nachher weitermachen – Vadder is auch schon drinnen. Die Bratkartoffeln werden sonst doch kalt.“ Recht hat sie ja. Es wäre um das Essen auch wirklich zu schade.

Für den anderen Hin- und Herkram bleibt ihm ja noch die ganze Nacht Zeit. „Na mein Jung – kannst den Knoten nicht aufkriegen?“ meint Vadder, als Claas sich an den Küchentisch setzt. „Was gibt es denn so Wichtiges“ kommt da denn noch hinterher. „Das ist es ja man grade – ich kann beim besten Willen nicht so recht was finden – ich brauch was, das die Hörer vom Stuhl haut. Dieser komische elfte September will und will partout nichts hergeben. Er fährt sich mit gespreizten Fingern durch die Haare, als wenn die da etwas finden könnten.

„1986 sind an diesem Tag in Polen alle politischen Gefangenen freigelassen worden“ – sagt Mudder so ganz nebenbei. Claas und Vadder drehen beide zugleich den Kopf zu ihr hin – und sehen sie verwundert an. „Woher weißt DU DAS denn?“ kommt es als ein Wort aus zwei Mündern. Die beiden Mannsleute gucken Mudder an, als sei sie ein Weltwunder. „Ja, meint ihr beiden denn wirklich, ich kann nur Bohnensuppe kochen – und meinen Kopf hab’ ich bloß, weil die Haarschneiderin auch irgendwo von leben muß?“ Man hört deutlich, wie den beiden Kerls der Mund zuklappt. „Jana – die kleine Polin, die mit mir die Schule sauber macht – die hat mir das erzählt. Ihr Sohn ist damals auch freigekommen. Sein Vater ist kurz vorher noch erschossen worden – in Danzig. Auf der Leninwerft. Er war Lech Walesas rechte Hand.“

Wooooow – denkt Claas, so kenn ich Mudder ja gar nicht – und laut sagt er: „Du hast dich doch sonst nich für Poli…“ – weiter kommt er nicht. Ein bisschen spitz fällt Mudder ihm ins Wort: „Nicht für Politik interessiert, meinst du wohl? Ihr beide hättet mich ja mal fragen können, was ich so mein. Aber neeee, Politik – das ist ja Mannsleutsache!“

„Höhö…“ – man sieht Vadder deutlich seine Ratlosigkeit an. „Brauchst gar nicht höhö zu sagen“ grient Mudder über die linke Gesichtshälfte – „ich hab’ mein Kreuz bei den Wahlen auch immer da gemacht, wo ich meinte, dass es da hingehört. Und nicht da, wo ich es nach deiner Meinung machen sollte! So, nun weißt du DAS auch gleich!“ Mudder ist sichtlich ein ganzes Stück größer geworden.

„Nun esst ihr man weiter – sonst wird noch alles kalt.“ Mudder ist ganz Mudder geblieben – so, als wenn sie sich überhaupt nicht bewusst ist, dass sie in fünf Minuten die gesamte Familienweltordnung auf den Kopf gestellt hat. Vadder sagt nichts. Er fuhrwerkt mit der Gabel in den Bratkartoffeln herum, als wenn es auf der Welt für ihn nichts Wichtigeres gäbe. Das soeben gehörte muß er erst mal verdauen. Seinem Gesicht ist aber der Stolz auf seine Frau anzusehen. Eine Weile vernimmt man nur Bestecke klappern in der Küche. Vadder hat sogar vergessen, den Fernseher anzustellen, um die Nachrichten mitzubekommen.

 „Einundsechzig hat an diesem Tag Borgward in Bremen doch pleite gemacht – wenn ich mich recht besinn …“ Kann es sein, dass Vadder verlorenes Gebiet zurückgewinnen will – indem er diesen Satz in die Luft stellt?

Mattigkeit hängt über dem Küchentisch – so, als wenn die Worte erst mal Reaktion entwickeln müssten. „Ach…., weißt du noch, Vadder? Sechsundfünfzig … am elften September …“ Als Mudder das sagt, macht sie ein Gesicht, wie Schmitz Katze, wenn sie am Sonntag beim Sahnetopf war.

„Hannover…… Filmpalast. Die erste Aufführung von HOCHZEIT auf IMMENHOF – mit Heidi Brühl und Paul Klinger …“ – Mudder sieht aus, als hätte sie selbst in dem Film mitgespielt.

Vadder nimmt seine Brille ab. „Was hat DAS denn mit Politik zu tun?“ Verwirrtheit schwingt in seiner Stimme mit. „Mit Politik nichts – aber mit Liebe, du Dööspaddel. An dem Tag waren wir nämlich das erste Mal zusammen im Kino!“ Mudder ist reinweg ein bisschen franterig – so kommt es Claas zumindest vor – aber da muß er Vadder insgeheim beistehen. Mit dieser weiblichen Logik kommt er auch nicht so richtig zurecht.

Vadder kratzt sich angelegentlich den Kopf. „Wenn ich mir das so ins Gedächtnis zurückrufe – Mudder – du hast recht. Aber ehrlich – von dem Film hab ich damals nicht allzu viel mitbekommen.“

Als er das auf seine plietsche Art sagt, guckt Mudder zumal ganz anders aus. „Das spür ich heute noch.“ Weiter sagt sie nichts. Claas fühlt sich plötzlich irgendwie fehl am Platz, und meint, dass er einen Dreh kriegen muß.

Indem er aufsteht, sagt er laut: „Denn will ich man wieder in meine Bücher reinkriechen – einen Teil hab ich ja schon zu wissen bekommen.“ Er lässt seine Eltern allein – vielleicht kommt den beiden heute ja noch mehr Vergangenheit entgegen. Er macht noch zwei Schritte in den Garten – ein paar Atemzüge Frischluft tanken – und dann verzieht er sich wieder in seine Arbeitsstube.

Am Schreibtisch hat auch noch niemand weitergemacht. Na ja – wer sollte das auch für ihn tun.

Das verflixte Kalenderblatt für den 11. September weht ihm ständig durch den Kopf.

Friedrich Schillers Jungfrau fällt ihm ein, und dass die Tragödie am elften September vor zweihundert Jahren das erste mal aufgeführt worden ist. Aber das will morgen garantiert auch keiner wissen. Schiet drauf – er legt sein Manuskript für die morgige Sendung erst mal an die Seite – vielleicht hat er in der Nacht ja noch eine geistige Eingebung. Ein paar Stunden später – eine Reihe von Gedichten und Geschichten hat Claas in der Zwischenzeit aufgearbeitet – muß er eine kleine Pause machen. Das Manuskript mit dem halbfertigen Kalenderblatt grinst ihn an. Wart’ man, du kommst auch noch dran – sagt er in Gedanken zu dem Stückchen Papier.

Jetzt will er erstmal ’ne Zigarette schmöken – und ein paar Minuten die Flimmerkiste anmachen – mal eben sehen, was in der Welt so in den letzten Stunden geschehen ist.

Er tickert auf der Fernbedienung ziellos hin und her – aaahhh – N3 – das dritte Programm für Norddeutschland – das lässt er laufen – das passt in seine Stimmung. Mit halbem Auge und einem Ohr verfolgt er das Geschehen, das über den Schirm flimmert – der andere Teil seiner Sinne drüselt ein wenig vor sich hin – sein Tag war ja auch lang genug.

Plötzlich ist er wach wie ein Hafenlicht – CIA – Geheimakten geöffnet – Dokumentarfilm – Chile – General Schreiber – Allende – Putsch! Tausend Kerzen leuchten in seinem Kopf. Die Schläfrigkeit ist verflogen – DAS ist sein Kalenderblatt! 1971 – Putsch in Chile – 11. September! Der US amerikanische Geheimdienst hat seine Archive öffentlich gemacht. Was er in den nächsten Minuten an Informationen erfährt, sorgt dafür, dass er in den nächsten Stunden von Magenschmerzen geplagt wird.

Für das „um die Ecke bringen“ von General Ernesto Schreiber – dem Oberbefehlshaber der chilenischen Streitkräfte – und der Ermordung von Chiles frei gewähltem Präsidenten Salvador Allende – ist die US amerikanische Regierung verantwortlich. Nein, nein – nicht der Eisverkäufer in Florida, und auch nicht der Viehzüchter in Texas, nicht der schwarze Schuhputzer in Manhattan, und nicht der Fährmann auf dem Mississippi – nein – der damalige Präsident Richard Nixon, und sein engster Vertrauter Henry Kissinger waren die Hintermänner, und Auftraggeber!

Die beiden hatten sich die ganze Sache ausgedacht, weil sie meinten, ein Volk, welches sich freiwillig einen Kommunisten zum Präsidenten wählt, kann nicht ganz richtig im Kopf sein. Und bevor nun diese Krankheit noch mehr Menschen in Südamerika anstecken würde, müssten die Kreaturen – die von dieser „Seuche“ befallen waren – schnell und rigoros beseitigt werden.

Das Tun anzuschieben war dem menschenfreundlichen Henry Kissinger 50 tausend Dollar in Bargeld, und eine Lebens-versicherung für den Täter über 250 tausend Dollar wert. So hoch war die Entlohnung des Offiziers, der General Schreiber des Morgens, beim verlassen seines Hauses, erschossen hat. Um Salvadore Allende brauchten sich die feinen Herren in Washington dann keine Gedanken mehr zu machen. Für dessen Beförderung ins Jenseits sorgte dann der, auf den ersten Platz nachgerückte, zweite General im chilenischen Militär selbst. Die modernsten technischen Gerätschaften hat Henry Kissinger dem chilenischen Militär zukommen lassen. Getarnt als Diplomatengepäck nahm es den Weg nach Süden – Schiffsladungsweise.

Auf der Strasse nach Süden … Ironie, denkt Claas, als ihm dieses Lied spontan einfällt.

Ein Ex-Oberst der US – Armee – 1971 Militärattache in der US-amerikanischen Botschaft in Santiago, und damit Kissingers verlängerter Arm – hat jetzt, dreißig Jahre später, knapp und präzise kundgetan, dass die US-Militärs nichts dazugelernt haben.

Auf die Frage, ob ihm aus heutiger Sicht die Folterungen, und die Morde, an hunderttausende von Chilenen nicht leid täten – oder er seine Mittäterschaft zumindest bedauern würde, antwortete der leutselige alte Herr mit einem freundlichen Lächeln um die Augen: „Das Geschehen damals in Chile ist nur ein Großreinemachen gewesen. Die Schuld der Chilenen war es sowieso – warum wählten sie sich einen Kommunisten zum Präsidenten.“

Henry Kissinger, den die Reporter versuchten zu befragen, hat abgeblockt und sich weggedreht. Vielleicht wollte er auch bloß nicht noch mal lügen – so, wie er es vor dem amerikanischen Kongress tat, als er beschwor, mit den Geschehnissen im fernen Chile nicht das Geringste zu tun zu haben. Er schwor es mit derselben Hand, mit der er Tags zuvor die Zahlanweisungen für den Mörder unterzeichnete – und mit der er vierundzwanzig Stunden später den Befehl zur Ermordung General Schreibers wirksam machte.

Daran lässt sich überdeutlich erkennen, was ein Wort von Politikern generell wert ist.

Der Filmbericht ist schon eine Stunde Geschichte, als Claas sich aufrichtet und seinen Körper reckt. Das, was er vor einer Stunde gehört und gesehen hat, liegt jetzt fein säuberlich geschrieben vor ihm. Nun ist das verflixte Kalenderblatt auch zufrieden – es lauert ihn gar nicht mehr so hinterhältig von unten herauf an.

Harrijesses – die Uhr zeigt gleich fünf. Claas lässt auf seinem Schreibtisch alles einfach so liegen, und kriecht in die Falle. Eine klitzekleine Mütze voll Schlaf braucht er denn doch noch – von wegen des klaren Kopfes in der Sendung.

11. September 7 Uhr 28 …

„Claas … Claas, du musst aufstehen … du hast doch um neun einen Termin. Es ist gleich halb acht.“

Mudder hat ihm eine leckere Tasse Tee ans Bett gebracht, und zieht die Vorhänge zur Seite, um das Morgenlicht hereinzulassen. So richtig will das gehörte noch gar nicht durch die Ohren in seinen Kopf kriechen – er ist doch eben erst eingeschlafen. „Komm – nun trink man erst einen Schluck Tee, damit du zu Verstand kommst – und wenn du soweit bist, dann hab ich auch das Frühstück fertig.“ Auf ihrem Gesicht liegt ein Strahlen, als wenn sie noch mit Vadder in Hannover im Filmpalast sitzt.

„Bei dir hat aber noch lange das Licht gebrannt. Hast du dein Kalenderblatt denn fertig? Sonst – ich hab heut morgen schon etwas in der Zeitung für dich gefunden.“

Ihre gesprochenen Sätze sausen so an seinen Ohren vorbei – er muß sein Denken erst mit einem Schwall kalten Wassers auf festen Grund stellen. „Vor fünfundzwanzig Jahren – am 11. September – haben jugoslawische Nationalisten ein amerikanisches Flugzeug in ihre Gewalt gebracht. Der Flieger wollte bloß von Neuyork nach Chikago …stell dir mal vor, du willst nur eben von Hamburg nach München fliegen … und plötzlich sagt unterwegs ein Verrückter, das ist nun mein Flieger – und ihr, die ihr an Bord seid, seid alle meine Geiseln!“

Bei den letzten Worten dreht Mudder sich vom Fenster weg, zu ihm hin – „… du hörst mir ja gar nicht zu…“ Enttäuschung ist aus ihrer Stimme herauszuhören – Enttäuschung darüber, dass er noch nicht am Rechner sitzt, und ihre Neuigkeiten reintickert. „Mudder … tu mir einen Gefallen … laß mir noch ein paar Minuten Ruhe …“ – ziemlich lahm klingt seine Stimme bei diesen Worten. „Ich wollte dir doch bloß …“ – mehr kriegt Mudder nicht heraus.

„Ist ja schon gut, Moderke – ich weiß das wohl. Aber ich hab die Nacht noch soviel auf mein Kalenderblatt bekommen – ich muß sich das erst mal alles setzen lassen.“ Das sagen, und aus dem Bett springen ist eines – er nimmt seine Mudder in den Arm … und drückt ihr einen Kuß auf die Augen. Er weiß, sie meint es immer nur gut mit ihm – und mit der Ruhe ist es nun eh vorbei.

„Na – denn will ich man …“ sagt sie leise – streicht verstohlen mit der Hand über ihre Augen, und zieht die Kammertür unhörbar ins Schloß. Claas hat gespürt, dass sie sich keinen Reim darauf machen kann. Wie sollte sie auch. Sie kann ja nicht wissen, dass ihm das Kalenderblatt wie Stacheldraht im Magen liegt.

Eine Viertelstunde später sitzt er in der Küche. Vor ihm auf dem Küchentisch steht ein weich gekochtes Ei, Mudders selbst gemachte Marmelade und frischer handgebackener süßer Stuten ( gesüßtes Weißbrot ) – daneben liegt die Zeitung – was kann es eigentlich am Morgen Schöneres geben? Der Stuten ist noch warm. Gestern zur Abendbrotzeit war er noch Mehl in der Tüte. Das ganze Haus riecht noch heimelig nach Backofen.

„Mir war gestern am Abend so zumute – ich musste meinen beiden Mannsleuten einfach noch was Gutes tun“ – bei diesen Worten schiebt sie ihm noch ein gehöriges Stück Stuten auf sein Brotbrett. Gestern Morgen hätte er das Stück noch ohne zu zögern verzimmert – allein schon, um Mudder zu zeigen, wie gut ihm ihre Fürsorge tut. Heute morgen kann er das nicht – die Bilder der vergangenen Nacht nehmen einfach zuviel Raum ein. „Sei mir nicht bös’ – das ess’ ich, wenn ich nachher nach Hause komme.“ Verständnis blitzt in den Augen von Mudder, als sie sagt: „Trink’ wenigstens noch eine Tasse Tee, bevor du aus dem Haus gehst …“ – mehr kommt da nicht.

Als wenn sie um den Stacheldraht weiß, der sich um seinen Magen gedreht hat. Claas ist heilfroh, dass es heute morgen nicht eine gar so wichtige Sache ist. Seine Gedanken gehen nämlich einen anderen Weg. Wie kann ein Mensch – wie Henry Kissinger – von dem er sonst soviel gehalten hat, der aus seiner eigenen Kindheitsgeschichte ja eigentlich etwas anderes wissen müsste, so einen Irrweg gehen? Oder ist er so verbiestert durch das vergangene Geschehen, dass ihm Menschenleben nichts mehr bedeuten? Das kann aber doch nicht sein – denn hätte er es doch nicht heimlich getan!

Eine Antwort kann Claas sich auf seine Fragen nicht geben – und Henry Kissinger kann er auch nicht fragen.

Vielleicht wird ihm wohler, wenn er nachher darüber reden kann. Die Terminsache läuft so über ihn hinweg – zwölf Uhr ist es, als er das Verlagsgebäude wieder verlässt. Mudder rechnet sicher schon zu Mittag mit ihm. Er ruft kurz zu Hause an, damit sie weiß, dass er nicht kommt. An eine Mutter, die zum Weltgeschehen aus ihrer Sicht etwas zu sagen hat – daran muß er sich auch erst gewöhnen. Aber nicht heute – und nicht jetzt.

Der Wind, der übers Wasser herkommt, muß ihm oben auf dem Deich erst mal den Kopf ein wenig frei wehen.

Wenn bei ihm mal irgend etwas quer sitzt, hier oben auf dem Deich – mit dem weiten Wasser der Nordsee vor sich – läuft sich das meist alles wieder zurecht. Am schönsten ist es bei anlandigem Wind – wenn der Sturm so richtig über die See hinweggefegt ist, und von Norden das Gefühl von Weite und Freiheit auf seinen Schultern trägt.

Mit klarem Kopf, und von Wind und Salzluft geröteter Haut geht er auf Sendung. Den Menschen im weiten Land ein wenig in ihrer und seiner Muttersprache erzählen – auf Plattdeutsch mit seinen Worten Bilder malen, die für seine Hörer mit den Ohren zu sehen waren.

Es ist fünfzehn Uhr und zehn Minuten. In fünf Minuten ist das Kalenderblatt an der Reihe. Im Redaktionsraum laufen die Nachrichtenmaschinen. Vierundzwanzig Stunden am Tage vorne an sein, mit alldem was in der Welt passiert. Wenn man der Zweite ist, der den Menschen etwas Neues erzählt, hat man in der gefräßigen Konkurrenzwelt meist schon verloren. So ist es nun mal. Claas will gerade „sein“ Kalenderblatt, was ihn schon wieder von unten herauf reichlich schief belauert, unter die Hörerschaft bringen, als alle im Studio wie versteinert auf die Bildschirme starren. Nur die Bilder laufen … und laufen … und laufen! In New York sind zwei große Passagiermaschinen in die Türme des „World Trade Centers“ gekracht. Claas weiß nicht, was in den Kollegenköpfen vor sich geht – sein erster Gedanke ist: Der Allmächtige hat seine Mühlen in Gang gesetzt – und zwischen den großen Mühlsteinen ist ein Gemenge von Menschenwerk und Menschen – und sein Kalenderblatt – das er nicht mehr losgeworden ist – liegt oben auf den Mühlsteinen – und dreht sich mit! Auf dem weißen Papier steht plötzlich nichts weiter mehr drauf, als: Chile … Chile … Chile… und die Menschheit steht drumherum – und kann die Mühle nicht anhalten …

Ewald Eden © ee

 

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