Mein Kater Nicki . . .

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buntes aus meinem Leben.

 

 

Mein Kater Nicki . . .

 

Es war im vorigen Jahrhundert. Wir schrieben 1993 — die Hälfte der in der Zeit verschwundenen hundert Jahre, mit der neunzehn davor, hatte ich miterlebt. Ich führte das traurige, trostlose Leben eines an der Wirklichkeit gescheiterten Fünfzigjährigen. Durch riskante Spekulationen an der Börse in den Jahren zuvor das gesamte Vermögen verloren — gefangen in der Vorstellung, daß viel Geld nicht nur beruhigt, sondern auch glücklich macht. Wie ich jetzt weiß, war dies der größte Irrtum meines Lebens.


Wer relativ wohlhabend über die Strassen des Lebens kutschiert, und plötzlich alles verliert, erfährt von einem auf den anderen Augenblick was Menschen im Alltag mit dem Begriff Freundschaft meinen. Die vielen "guten Freunde" hatte über Nacht der Erdboden geschluckt. Selbst die jeden Tag aufs neue beschworene heiße Liebe meiner Verlobten, erwies sich als nicht regenfest. Sie war von einer Stunde auf die nächste bloß noch kalte Asche, die der kleinste Hauch in alle Winde trug.


Eine Drehung um mich selbst — und ich war einsam und allein. Ohne Aussicht auf Zukunft. Einzig meine Mutter hatte an ihrer Liebe zu mir keine Abstriche gemacht.
Arbeitslosigkeit blieb mir erspart — ich hatte noch einen " Job" der mich ernährte — doch das Leben war für mich plötzlich wie ein durchlöcherter Hafersack — ausgelaufen und leer. Diese Leere versuchte ich mit Alkohol zu vertreiben — und solange die Prozente in mir Achterbahn fuhren, lebte ich im trügerischen Glücksrausch. Das war eigentlich recht leicht, wo doch die Zapfstelle — sprich Kneipe — direkt unter meiner Wohnung angesiedelt war. So war das Ritual stets das gleiche — unten volltanken, eine Treppe hochwanken und rein ins Bett.


Der Zeiger auf der Waage im Bad bewegte sich unbeirrt nach oben. Die ideale neunzig — die ich lange bewahrte — ließ er kaltlächelnd hinter sich. Auf hundertfünfzehn vor dem Kilogramm strebte er zu. Die Scherben in meinem Körper — wie Sodbrennen und Schmerzen in Gliedern und Gelenken — störten ihn nicht im mindesten. Die Depressionen — die sich in meinem Kopf einnisteten — die vertrieb der einzige Freund, der mir geblieben war, nämlich Jonny Walker. Frei nach der Devise: der Tag geht — Jonny Walker kommt. Bevor ich auf der Deponie für gescheiterte Existenzen landete, ereilte mich im August 94 mein Schicksal.


Der Tag hatte mir ein ganz spätes Heimkommen beschert. Vor der Haustür wäre ich fast gestolpert — diesmal nicht über Jonny Walker — der war an diesem Abend noch nicht da — ein Kätzchen war der Grund. Schwarzweiß im Fell. Winzig klein und hilflos saß es vor meiner Tür. Die Angst in den leuchtend grünen Augen sprang mir förmlich ins Gesicht.


Bis zu diesem Tag — ach was — bis zu dieser Sekunde hatte ich niemals etwas mit Tieren am Hut gehabt — pardon — das ist nicht ganz richtig: Ich hatte sogar täglich innige Beziehung zu Tieren — es gab keinen Tag ohne Schnitzel oder Steak und die abendlichen Kneipenfrikadellen, und es gab keinen Morgen ohne einen ausgewachsenen Kater im Kopf.


Doch zurück zu dem kleinen Knäuel Fell. Ich spürte Mitleid mit dem bißchen Leben — nahm es auf den Arm und mit ins Haus. Morgen, Kleines — morgen bringe ich dich ins Tierheim — so war mein Denken.
Bis Morgen war noch lang — und kleine Katzenbäuche knurren sicher genauso unerbittlich wie die von großen Menschen. Soviel war bei mir von Biologie noch hängen geblieben. Doch was frißt so ein winziges Etwas? Bei Walt Disney erlebte man ja häufig streunende, Heringe stehlende Kater — bloß Heringe fliegen ja nicht so durchs Bergische Land.


Thunfischkonserven waren im Vorrat — also Thunfisch aus der Büchse. Den halben Doseninhalt auf einen Teller — und los ging’s. Eh ich mich versah hatte diese kleine handvoll Katzenleben den Teller leergeputzt. Man konnte den Kohldampf förmlich sehen. Ein kräftiger Schuß Milch machte die Sache rund. Wie muß sich der Thunfisch wohlgefühlt haben — nach dem behaglichen Schnurren des Kätzchens zu urteilen eins A. Nachdenklich begann ich zu rechnen. Das funktionierte an diesem Abend, denn mein Freund Jonny Walker hatte mich verpaßt. Das kleine Tierchen wog ein knappes Pfund — verzimmerte über hundert Gramm Thunfisch, spülte mit reichlich Milch nach — und platzte nicht! Das Gleichnis von der Schlange, die eine Kuh verschlingt und am Ende dadurch platzt geisterte durch mein Hirn.


Wenn ich das auf mein Gewicht umrechnete, müßte ich ja über zehn Kilo Feisch verputzen — und von einer Kuh die Tagesproduktion an Milch dazu!
Den satten Knuddel nahm ich auf meinen Schoß — streichelte sein zerzaustes Fell mit zärtlichen Fingern – die rauhe Zunge leckte meine Hände — und mit jeder Bewegung des Köpfchens verschwand ein Teil der Angst aus seinen Augen.


Fünfzehn Minuten sind ein Nichts in der Ewigkeit — aber fünfzehn Minuten können ein Leben verändern — mir ist es widerfahren. Nach einer Viertelstunde hatte ich keinen Gedanken von Tierheim mehr in meinem Kopf — das kleine Wesen hatte mich adoptiert — und sollte fortan mein Leben bestimmen.
Es wurde noch ein langer Abend im Sessel — spät ging ich zu Bett. Mit meinem neuen Hausgenossen neben mir — auf dem Kopfkissen. Es dauerte noch bis der Schlaf kam. Jonny Walker — den ich an diesem Abend nicht gesehen hatte hat ihn wahrscheinlich am Kommen gehindert.


Der oft verfluchte Wecker brauchte zur Aufstehzeit nicht in Aktion treten — eine kleine warme Zunge fuhr durch mein Gesicht und scheuchte mich aus den Federn. Meine — ich dachte tatsächlich " meine" — kleine Katze hinter mir her. Aus dem Büro zog mir ein seltsamer Duft in die Nase — eine Ahnung legte sich auf meine Gehirnwindungen — wer oben Nahrung in sich reinschiebt, der muß unten ja wohl zwangsläufig pupsen. Ob großer Mensch oder kleines Kätzchen — da hat der liebe Gott bei der Erschaffung das gleiche System verwendet. Wieder kam mir mein verschüttetes biologisches Wissen zu Hilfe. An diesem Morgen lernte ich mein Büro gründlich kennen — ich krabbelte durch Ecken, von denen ich gar nicht gewußt hatte, daß es sie gab. Im Abfallkarton neben der Papierschneidemaschine wurde ich fündig. Fein säuberlich unter Papierschnipseln verstaut, fand ich des Rätsels Lösung — ein Häufchen Thunfisch, das den langen Weg durch Katzenmagen und Darm gegangen war. Nachdem die " Abfälle" beseitigt waren, gab es Nachschub. Für mich Kaffee schwarz und für Kätzchen die zweite Hälfte der Dose Thunfisch mit Milch. Der Weg ins Tierheim war abends schon vom Programm gestrichen geworden — stattdessen führte mich der erste Gang in ein Geschäft für Tierbedarf. Katzenfutter, Kratzbaum, Katzenklo und Katzenstreu standen als Positionen auf meiner Besorgerliste. Wieder zuhause, nahm mein Findelkind die sanitären Einrichtungen auch sofort an. Das Problem war aus der Welt. Jahre später hat Nicki — so hieß er fortan — bloß noch einmal den Papierkarton benutzt — weil ich ihn versehentlich über Stunden im Büro einsperrte. Die Tierärztin, die wir nachmittags gemeinsam aufsuchten, ordnete meine vierbeinige Begleitung denn endgültig in die Reihe "Kater" ein. " Nicki " war in meine Welt getreten — zwar erst ungefähr zehn Wochen alt — aber doch schon eine starke Persönlichkeit. Bevor wir in unser — von nun an gemeinsames — Zuhause verschwinden konnten, trat uns mein Nachbar — ihr wißt schon, der Wirt bei dem Jonny Walker wohnt — in den Weg. Verwunderung, Neugier und Besorgnis konnte man in seinem Gesicht erkennen — Sorge wohl mehr um seine Kasse. Wo warst du gestern abend? Dein Auto stand vor der Tür — von dir aber keine Nasenspitze zu seh'n. Irgendwie krank . . .? kam noch halbsätzig hinterher. Nein, nein — ich war nicht krank — ich fühlte mich gesund — gesund wie schon lange nicht mehr. Das war " Nicki's" erste gute Tat. Mit ihm zusammen zu sein, gefiel mir plötzlich besser, als in der Kneipe zu hocken, gemeinsam mit anderen zerknitterten Seelen. Ich konnte sehen, wie mein Gegenüber dachte: ‘Na, Freund — du kommst schon wieder in unseren Kreis zurück — Kumpels wie Jonny Walker kann man nicht so einfach verlassen.’


Er sollte nicht recht behalten. Zugegeben – manches mal ist es mir schon ein wenig schwer angekommen — ab und an war ich zu schwach, um zu widerstehen — aber jede Stunde mit Nicki stärkte mir das Rückgrat. Elend kam mich immer dann an, wenn ich ihn allein gelassen hatte — jedesmal fiel er dann ein Stück zurück in seine Ängstlichkeit. Meine Nähe war für ihn wohl das Himmelreich — als wenn er mit unsichtbaren Fäden an mir festgebunden war, folgte er mir auf Schritt und Tritt. In des Wortes wahrstem Sinn. Er ließ auch nicht den Ansatz einer Diskussion zu — nachts schlief er in meinem Bett — Sommers über und Winters unter der Decke — wie es sich gehörte. Den Wecker hatte Nicki vom ersten Morgen an ersetzt. Wenn seinem Wecken kein spontanes Aufstehen folgte, schimpfte er wie eine alte Ziege. Zeitung lesen wurde zum Prozedere — immer lag Nicki auf dem Geschriebenen. Das Blatt in der Luft haltend lesen, war für ihn die Aufforderung, aus den Seiten Papierwolle zu machen. Egal was ich machte — er betrachtete alles als Liebesentzug. Oder wie anders soll man es bewerten, wenn man sich an den Computer setzt — und die Tastatur ist schon von einem schnurrenden Fellberg eingenommen. Durch den Einsatz von viel Geduld — und kleinen bestechlichen Leckereien — meinerseits, nahm er davon mit der Zeit Abstand. Selbst die Badewanne flößte ihm keine Scheu ein — pflegte ich meinen gestreßten Körper im warmen Wasser, saß mein Nicki neugierig auf dem Wannenrand — obwohl Nässe für ihn so etwas wie das Weihwasser für den Teufel war. Tropfen davon betrachtete er schon als Mörderbande. Die Neugier hielt solange an, bis er einmal ins Badewasser rutschte. In eine Folterkammer wähnte er sich wohl geraten. Nachdem er dieser Hölle entronnen war, konnte ich — geschunden und zerkratzt — aus dem rosa gefärbten Naß steigen. Die Tribüne Wannenrand war für ihn ab da tabu — er begnügte sich mit dem Platz im Parkett. Als blutiger Anfänger in Sachen Katzenhaltung besaß ich natürlich keinen blassen Schimmer von dem, was ich mir mit Nicki angetan hatte. Woher sollte ich auch wissen, daß eine Katze dem Menschen in Psychologie haushoch überlegen ist? Soweit reichte mein verblaßtes Schulwissen denn doch nicht — und überhaupt — hatte ich davon je etwas gelernt? Kater Nicki zeigte mir mit unendlicher Geduld, wie wertlos im Grunde alles Wertvolle ist, mit dem wir Menschen uns umgeben. Begreifen wird dem Menschen wahrlich nicht leicht gemacht — begriffen habe ich es dann aber doch. Und wenn dieser Prozess mal nicht so flutschen wollte, strafte mein Gefährte mich mit dem Entzug seiner Liebe und Zuneigung. Egoistisch wie Menschen nun mal angelegt sind, wollte und konnte ich darauf nicht verzichten — auch nicht für kurze Zeit.

Verhaltensweisen und Dinge, auf die ich mich eingelassen habe, behielt ich immer für mich. Meine Begleiter aus dem Freundeskreis von Jonny Walker hätten mich für meschugge erklärt. Sicher wären Anfragen in diversen Landeskrankenhäusern, auf einen freien Platz für mich, eingegangen. Wer das Glücksgefühl nicht kennt, das hochkommt, wenn die Katze ihrem Menschen verziehen hat, kann überhaupt nicht mitreden. Man vergißt spontan Verhaltensweisen, die der Katze mißfallen. So einfach ist das. Nicki entwickelte sich zum Weltmeister im Kratzen. Ob es die Wand in der Gästetoilette war — an der er kratzte, als gelte es Weltmeisterwürden zu erringen — oder der gemütliche Sessel in meinem Büro — den meine Mutter mir schenkte, und den er, durch alle Schichten seines Sessellebens, bis auf das hölzerne Gestell bearbeitete. Bei meiner Mutter kam richtig Freude auf — ich konnte ihre schwarzen Gedanken förmlich sehen — und verstanden hat sie meinen Meister bis heute nicht. Nicki gab dem Unverständnis aber auch ständig neue Nahrung — besonders wenn er auf Fliegenjagd war — und diese einfältige Fliege ausgerechnet auf den schönen, Samtvorhängen saß. Die Mutter extra für mein Wohnzimmerfenster genäht hatte — teure Samtvorhänge — wie sie immer wieder betonte. Irgendwann erkor er sich eine Mauerecke in der Diele als Kratzobjekt. Als er sich bis auf den blanken Ziegel durchgearbeitet hatte, brachte ich sogenannte Kratzbretter an der Ecke an. Haben sich kluge Leute einfallen lassen, damit die Katzen was zu tun haben. Nicki hat diese Kratzbretter mit dem Hintern nicht angesehen — geschweige denn daran gekratzt. Gute Ratschläge, wie ich meinen Kater erziehen könnte, bekam ich bergeweise — franko und gratis. Bloß — die Absender dieser wohl gutgemeinten Tips besaßen keinen Schimmer Ahnung von der Materie Kreatur Katze. Das ging von vorsichtigen Schlägen mit der Zeitung bis hin zum Krallen knipsen mittels einer Nagelschere — wie mein Bruder mir zuriet. Nachdem ich meinem Bruder anbot, bei ihm vorher "sonst was" abzuzwacken, war auch dieser Vorschlag ein für allemal vom Tisch. Durch Nicki lebte ich mein Leben mit Nicki. Auf vier mal dreihundertfünfundsechzig Tage gemeinsamen Weges konnten wir schon zurückschauen — die Kneipe und mein früherer Freund Jonny Walker waren mir fremd geworden -

da lief in einer abendlichen Katerschmusestunde ein Satz aus meinem Kopf: Mein kleiner Kater Nicki — ich liebe ihn so sehr — nicht für Geld und gute Worte geb' ich ihn wieder her. In diesem Moment tat sich mir eine neue Welt auf — nach dreimal laut wiederholen und einer Stunde am Computer war der Text meines ersten Liedes fertig. Für die zugehörige Musik brauchte ich entschieden länger. Es war ja schließlich mein Erstgeborenes — jede Mutter kann mir das wohl nachfühlen. Es wurde letztendlich eine Spiegelplatte — eine musikalische Kostbarkeit für mich — mit sachkundiger Hilfe einer kleinen Plattenfirma hergestellt. Die Wirrungen des Fühlens, dann plötzlich das Lied im Radio zu hören, kann ich nicht beschreiben. Mein Kind hatte laufen gelernt — und nicht nur das — viele Menschen hat es bisher bewogen, anders über Katzen zu denken — ja, sie oftmals sogar dazu gebracht Heimkatzen ein neues Zuhause zu geben. Mein Leben hat dieser Markstein wohl nicht in eine andere Richtung gebracht — das hatte Nicki vier Jahre vorher bewirkt — aber mein Weg wurde heller und breiter. Freunde stehen auch wieder am Wege — sie heißen jedoch nicht mehr Jonny Walker und sie protzen nicht mit Prozenten. Ich habe erfahren, daß wer Tiere liebt — und seine Aufgabe darin gefunden hat, ihnen zu helfen — keine Krücke mit dem Namen Alkohol benötigt. Wem Bedrängnis und Not Begleiter durch den Alltag sind, wird in einem kleinen Wesen — wie mein Kater Nicki eines war — die bessere Wegbegleitung finden. Ganz gleich, wie holprig ihm der Lauf durch das Leben auch erscheinen mag.© ee

 

ewaldeden

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